Was passiert, wenn der Mensch, der sich um alles gekümmert hat, plötzlich nicht mehr da ist?
Als Finanzbegleitung in Krisenphasen habe ich mehrere Kundinnen begleitet, die ihren Partner durch Krankheit verloren haben – und mit ihm das Wissen um ihre finanzielle und bürokratische Welt. In all diesen Fällen hat sich der Ehemann um alles gekümmert: Konten, Verträge, Versicherungen, Papierkram. Für die Frauen blieb eine Mischung aus Schmerz, Überforderung und einem Gefühl von völliger Orientierungslosigkeit zurück.
Bei einer Kundin war der Tod plötzlich, bei einer anderen kündigte er sich über ein Jahr lang an. Aber auch mit dieser Zeit, die ihnen noch blieb, war es kaum leichter. Sie erzählte mir, dass sie das Thema Finanzen nicht anrühren wollte, aus Angst davor, damit den Kampf offiziell aufzugeben und sich mit dem Schlimmsten abzufinden.
Wie findet man wieder Halt, wenn einem der Boden unter den Füßen wegrutscht?
In solchen Momenten geht es zuerst um das Nötigste, nämlich handlungsfähig zu bleiben. Gemeinsam haben wir sortiert, welche Schritte jetzt wirklich sofort notwendig sind, welche Zahlungen laufen, wo Unterlagen liegen. In den folgenden Wochen habe ich geholfen, Konten, Depots, Versicherungen und Verträge zu sichten und ihr einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Das Heimbüro ihres selbstständigen Mannes lösten wir auf. Und wir schufen eine neue Ablage, die für sie verständlich war. Ich begleite sie bis heute bei bürokratischen Terminen. Dort unterstütze ich sie als zweites Paar Ohren und Übersetzerin in eine für sie leicht verständlichere Sprache.
Eine andere Kundin war finanziell einfacher gestellt. Sie erhielt Witwenrente aber kein Vermögen. Mit ihr arbeite ich regelmäßig an ihrer Finanzplanung und Monat für Monat wächst ihr Vertrauen in die eigene Kompetenz und ihr Selbstwertgefühl.
Wie kann man sich auf das Unvorstellbare vorbereiten?
Ich selbst habe beim Abschied von einer Person, die mir sehr nahe stand, vor vielen Jahren gelernt, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig einen Überblick verschaffen. Nicht weil man das Schlimmste erwartet. Sondern weil Wissen Sicherheit schenkt. Ich musste stumpf funktionieren in einer Zeit, wo es mir besser getan hätte, mich in meinem Tempo mit der traurigen Wahrheit auseinander zu setzen.
Jeder Person, die ihren Lieblingsmenschen betrauert, wünsche ich genau das. Mehr Raum für das, was sie in dieser Phase wirklich braucht. Ohne unentwegt funktionieren zu müssen, ohne das ständige Gefühl, überfordert und ahnungslos zu sein. Dass sie Freunde und Angehörige hat, die ihr in dieser schwierigen Zeit unter die Arme greifen. Und ich wünsche ihr, dass sie die Möglichkeit hatte, noch zu Lebzeiten die wichtigsten Dinge geklärt zu haben, damit der Fokus möglichst beim Trauern um den Verstorbenen bleiben kann.
Aber bei vielen fehlt im Erstfall jemand im nahen Verwandtenkreis, der die Zeit und Möglichkeit hat, Struktur zu geben, zu sortieren und durch die Papierflut zu führen. Mit einer Finanzbegleitung in Krisenphasen bleibt mehr Raum für das was wirklich zählt: zu trauern, zu heilen und Schritt für Schritt das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen.
Und was in meinen Augen bei all dem Leid wirklich schön und heilsam ist, ist der Neuanfang, den man ebnet. Denn man holt sich seine Handlungsfähigkeit zurück, wenn man einen Weg aus dem Chaos gefunden und sich die Haushaltsfinanzen zu seinen eigenen gemacht hat. Und so sieht für mich finanzielle Würde und Selbstbestimmung aus.
